„Wer Edsel sagt, meint Flop“

Auf der Grürmannsheide zwischen Hagen und Iserlohn in NRW wird jedes Jahr im Sommer ein großes Oldtimer-Treffen auf der grünen Wiese veranstaltet.  Wir haben uns aus den mehreren hundert Fahrzeugen vor Ort ein ganz besonderes herausgepickt, das wir hier nun einmal näher vorstellen möchten. Dazu haben wir auch ein schönes Interview:

edsel corsair 58 heck Kopie

Das Heck des 58er Edsel Corsair mit dem ausladenden „Continental Kit“ als Zubehör für alle, denen er noch immer zu klein war.

Mitte der Fünfziger Jahre brummte die Wirtschaft in den USA. Die Ford Motor Company in Dearborn/Michigan fertigte mit drei eigenen Marken für alle Klassen. Ford für den Standard, Mercury für die gehobene Mittelklasse und Lincoln für den Luxus. Inzwischen jedoch gab es viele Kunden, die sich mehr als einen Ford leisten konnten, für die ein Mercury aber noch zu kostspielig war. Um deren Abwanderung zur Konkurrenz zu verhindern, sollte eine neue Marke genau dazwischen etabliert werden. Virtuos wurden im Vorfeld Gerüchte gestreut und die Neugierde wuchs in der Öffentlichkeit, was denn da schon bald erscheinen sollte. Ganz neues Design, fortschrittliche Technik und reizvolle Detaillösungen wurden bereits angepriesen. Das „E-Project“ geisterte durch den Blätterwald. Es wurde mit Nachdruck dazu nach einem adäquaten Namen gesucht, aber schon machte es die Runde, „E“ stünde als Hommage für Edsel, den 1943 mit nur 49 Jahren gestorbenen Edsel Ford, Sohn des Firmengründers Henry Ford sen. So kam die neue Marke zu ihrem Namen, obwohl die Familie Ford davon wohl nicht begeistert war. 1957 wurde das erste Modell vorgestellt. Mit einem sehr markanten Kühlergrill in der Mitte, der an Autos der 20er Jahre erinnern sollte. Dazu mit viel weniger neuen technischen Gimmicks, auf die ja alle schon so gespannt gewesen waren…

Edsel Corsair innen Kopie 2

„Tele Touch“ wurden die Vorwähltasten für das Automatikgetriebe in der Lenkradnabe genannt.

Schnell kippte die Stimmung. Die Presse fühlte sich an der Nase herumgeführt und konterte mit den ersten Verrissen. Und dann diese Nase! „Toilettensitz“ war noch einer der schmeichelhafteren Spitznamen für dieses „Ding“ da in der Mitte des Autos. Die Verkaufszahlen waren niederschmetternd. Dazu kamen Qualitätsprobleme, denn der Edsel wurde zwischen den Fords auf den selben Bändern gebaut. Und wenn nur alle Nasen lang mal ein Edsel auftaucht und der Arbeiter plötzlich andere Handgriffe aus anderen Kisten machen muss, dann leidet der Akkord. Es hieß damals sogar, die neue Marke sei von den Ford-Arbeitern regelrecht sabotiert worden!

Das erste Modelljahr 1958 war also gescheitert. Nachdrücklich verschliff man das markante Design für 1959, ein Jahr später, 1960, war das längliche Oval ganz verschwunden. Doch alles das nützte nichts. Kaum jemand wollte sich in einem Edsel verspotten lassen. Das Ford-Management zog noch 1960, nach nur wenigen Exemplaren der neuen Serie, die Reißleine und Edsel verschwand von der Bildfläche.

Edsel Villager 1959 303PS Kopie

Edsel Villager des Modelljahres 1959 mit deutlich zurückgenommener Nase. Aber es war zu spät. Edsels „Toilettensitz“ war bereits allgemeiner Sprachgebrauch.

Man geht davon aus, dass dieses Abenteuer in den Jahren 1957 bis 1960 im heutigen Gegenwert etwa zwei Milliarden Dollar an Verlusten eingefahren hat, eine der wüstesten Pleiten in der Geschichte des Automobilbaus. Es hieß gar: „Wer Edsel sagt, meint Pleite.“

Edsel Corsair Spiegel Kopie

Das „Oval“ der Nase begegnet einem am Edsel in zahlreichen Details, wie hier am Schaft des Außenspiegels.

Heute hat sich das natürlich alles längst verschoben. Die wenigen Edsel, die überlebt haben, sind begehrte Sammlerstücke. Die Ersatzteilsituation der Großserie macht das Fahren unproblematisch, lediglich die speziellen Teile, wie Embleme, Zier- und Blechteile der Außenhaut, wollen teuer bezahlt sein, weil sie so selten sind. Hier sehen wir den Edsel Corsair Modell 1958, mit fast sieben Liter großem V8-Motor und 345 SAE-PS. Das Auto gehört Michael Kistinger, der auch eine schöne Homepage zum Thema gestaltet hat.

Unter www.edsel.kistinger.com gibt es jede Menge Wissenswertes rund um den vielleicht größten Flop der US-amerikanischen Automobilgeschichte.

Text/Fotos: Achim Gandras/oldtimer-app.com

 

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