Eine große Runde mit dem Amphicar

Zum vierten Geburtstag des PS.Speichers in Einbeck wurde am Samstag, 21. Juli, die PS.Speicher-Rallye durch die reizvolle Landschaft des Weserberglandes ausgetragen. Wir von der Oldtimer-App freuen uns ganz besonders, dass uns ein seltener Schwimmwagen der 60er Jahre anvertraut wurde.

Hier gibt es zu lesen, wie sich ein Amphicar von 1964 auf der Straße anfühlt: Einmalig, soviel vorweg.

Andy Schwietzer, Kurator der Einbecker Sammlung dazu: „Das Amphicar war leider viel zu umständlich, um mal eben eine Runde im Wasser zu drehen. Allein der Abschmierdienst nach jeder Wasserung war nach Vorschrift eine umfangreiche Angelegenheit, zu der sogar die Rücksitzbank ausgebaut werden musste. So ging das avisierte Geschäft mit den USA nicht auf, außerdem war das Auto den Amerikanern viel zu klein.“

So klein kommt er einem dann aber gar nicht vor, wenn man mal davor steht. Allzu häufig ist diese Gelegenheit übrigens nicht, nur knapp 4000 Schwimmwagen vomn Typ 770 entstanden zwischen 1961 und 1968, wenn man der optimistischten Zahl trauen will – es können auch deutlich weniger gewesen sein. Viele wurden gegen Ende der Produktion als unverkäuflich angesehen und geradezu verramscht. „Reihenweise wurden sie als billige Ladenhüter in den 70ern verschrottet“, wie Andy Schwietzer erläutert.

Am Strand der Weser zwischen Beverungen und Höxter ist das Amphicar in seinem Element. Mancher Kanute wartete gespannt, wann wir das Ding zu Wasser lassen würden – allerdings braucht man dafür einen Bootsführerschein.

Allzu viele wird es also nicht mehr geben. Der PS.Speicher in Einbeck besitzt gleich zwei. Hochbeinig steht das Amphicar vor einem, auf ziemlich groß dimensionierten Diagonalreifen. Der Einstieg erfolgt über einen hohen Schweller auf eine durchgehende, zweifarbige Sitzbank, die mit wasserabweisendem Sky bezogen ist. Am Boden kein Teppich, sondern ein Edelholzrost, damit eventuell eingedrungenes Wasser unter den trockenen Füßen bleibt. Für diese Fälle arbeitetet zudem im Bootsbetrieb eine Lenzpumpe, die etwa zehn Liter pro Minute über ein verchromtes Röhrchen im Heck hinaus befördern kann. Unter der Karosserie verbirgt sich halt ein echtes Boot, das allerdings an den Türen geöffnet werden kann. Deshalb sind an beiden Seiten zwei Extra-Riegel, mit deren Hilfe die Türen auch im unteren Bereich fest an die Dichtung gepresst werden. Im mittleren Fußraum, neben dem ellenlangen Schalthebel, befindet sich ein zweiter Hebel zur Inbetriebnahme der beiden Spiralschrauben aus Kunststoff unter dem Heck.

Die Klappen an Front und Heck werden lediglich mit einem Vierkantschlüssel verriegelt – auch hier presst eine gedrehte schiefe Ebene die Dichtflächen aufeinander. Vorne liegen zwei Paddel für den Notfall drin, hinten werkelt hingegen der unaufgeregte 1200er Motor aus dem Triumph Herald in seiner geschlossenen Kapsel, den Kühler in einem großen Kasten mit Gebläse unter den zahlreichen Luftschlitzen in der Heckklappe. Es ist alles aus Stahlblech! Das Amphicar sollte also dicht sein, sonst säuft es ab wie ein Stein, Lenzpümpchen hin oder her.

Alles ist so gebaut, dass es Wasser ab kann. Allerdings wird das dichte Sky der Polsterung bei 30 Grad in der Sonne zur Herausforderung.

Stahlblech… Die DWM, Deutsche Waggon- und Machinenfabrik, fertigte das von Schwimmwagen-Pionier Hanns Trippel konstruierte Auto in Berlin, auf das große Geschäft mit den USA hoffend. Die Blechteile dazu wurden in einem weiteren DWM-Werk in Lübeck gepresst, daher auch das goldene Holstentor als Emblem im Lenkrad. Uns erzählte übrigens ein Ingenieur, der einst in Lübeck studiert hatte, dass die Amphicars komplett aus der Halle in Lübeck heraus rollten – der Firmenstandort West-Berlin dürfte ein Steuersparmodell gewesen sein, denn industrielle Tätigkeit in der bedrängten Stadt wurde großzügig von Seiten des Staates unterstützt.

Hanns Trippel hatte leider einen ziemlich braunen Fleck auf der weißen Weste. Seinen ersten Schwimmwagen hatte der Autodidakt bereits 1932 gebastelt. Als Offizier der SS sollte er während des Krieges im Molsheimer Bugatti-Werk Schwimmwagen bauen, mit Sechszylinder-Motor aus dem Opel Kapitän. Der Schwimmer von VW machte schließlich das Rennen und Trippel fiel in Ungnade. Aber er war der Pionier des Amphibienfahrzeugs, das muss man ihm lassen. Nach dem Krieg nutzte er nach verschiedenen Versuchen alte Kontakte – die DMG hieß schließlich nicht immer Waggon – und Maschinenfabrik, sondern einstmals Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG, mit dem Großindustriellen und ehemaligen Goebbels-Stiefsohn Harald Quandt an der Spitze, dem Trippel bereits 1942 begegnet war.

Aussagekräftiges Ensemble: Positionsleuchte grün/rot, der Vierkant zum dichten Verriegeln der Klappen, übrigens an der Korkkugel, damit er nicht versinken kann, dazu der amtliche Ausweis der „Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes über das Kleinfahrzeugkennzeichen GÖ-R 375.“ Dann mal Leinen los!

Wir wollen aber zu den netteren Seiten zurückkehren, denn das Amphicar war schließlich eines der ersten echten Spaßmobile in einer Nachkriegsgesellschaft, die das Gröbste hinter sich gelassen hatte. Entsprechend auch die leuchtenden Farben in blau, rot, gelb und grün, die dem viersitzigen Cabriolet sogleich eine fröhliche Note verleihen. Das Verdeck übrigens ist von ordentlicher Qualität mit einem recht aufwändigen Mechanismus, denn die lange Abschlussleiste über den Seitenscheiben muss geschlossen gespannt sein, knickt aber mittig durch beim Öffnen. Danach versinkt es gekonnt komplett im Verdeckkasten. Mittig unter der Lenksäule ist etwas umständlich das Zündschloss zu finden. Ein Gasstoß vor dem Orgeln, PS.Speicher-Werkstatt-Leiter Michael Marx macht es vor, und der 38 PS-Vierzylinder läuft ruhig im Stand. Gespannt ist man auch den Komfort, denn beim Stoßdämpfer-Test von außen kann man der Karosserie kaum ein Nicken entreißen – während der Fahrt allerdings federn die ballonartigen Diagonalreifen einiges ab, was allerdings auf Kosten der Fahrsicherheit geht – das Amphicar ist Schiffchen durch und durch, es schwimmt auf der Straße wie auf dem Wasser…

Längs eingebaut der 1200er Vierzylinder des Triumph Herald mit 38 PS, links der große Kasten für den Kühler mit Abluft durch den Heckdeckel.

Das macht aber nichts, weil man es sowie nicht eilig hat. Der Hersteller prahlte mit einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h, was man sich bei dem kurz übersetzten Vierganggetriebe schlechtweg nicht vorstellen kann. 85 sind das allerhöchste der Gefühle, dann lärmt der Motor in seiner hinteren Wanne, noch übertönt vom Heulen der Ventilators. Mit 70 jedoch ist die Welt in Ordnung. Staunende und lachende Gesichter am Straßenrand über das eigentümliche Vehikel, aber auch viele, die das Ding kennen – zu auffällig war es schon damals, was sich mancher Zeitgenosse behalten hat. An jedem Ampelstop gehen ein paar Sätze hin und her, was wirklich nett ist. Übrigens, Kommentar Nummer Eins während der PS.Speicher-Rallye: „Zur Weser gehts dahinten rechts!“

Geradezu morgengymnastisch lassen die ewig langen Schaltwege den rechten Arm kreisen, vor einem auf der Haube die verchromte Bootshupe und davor die Positionslichter in rot und grün, welche im Straßenverkehr übrigens nicht funktionieren dürfen, sie sind lediglich dem Wasserweg vorbehalten.

Ein Amphicar ist mittlerweile ein recht kostspieliger Klassiker. Aktuelle Angebot im guten Fahrzustand schwanken zwischen 50 und 80.000 Euro. Wahrlich kein Sonderangebot, aber man bekommt den ersten zivilen Schwimmwagen der Welt, mit einer interessanten Geschichte dahinter.

Der Heckdeckel öffnet seitlich. Links ist der Auspuff auf Kennzeichenhöhe zu sehen, rechts das kleine verchromte Abrohr der Lenzpumpe. Die beiden vertikalen Chrombügel schützen die Kunststoff-Schrauben darunter.

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